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14 Juni 2025

In diesen Tagen über Literatur schreiben? Wenn Bomben fliegen und treffen, Menschen und Tiere sterben, wenn gequält, gedroht, zerstört wird? Vielleicht ist es eine der wenigen nützlichen Tätigkeiten neben Helfen, Aufräumen, Strukturen finden, neu organisieren, Trost spenden: Chronist und Chronistin werden, d.h. beobachten, einatmen, wahrnehmen, ausatmen, Wörter und Worte finden, auch für die, die gerade keinen Stift zur Hand haben oder anders betäubt sind.

Umso mehr fehlen mir die Stimmen unserer Autoren und Autorinnen. Es erscheinen nur belanglose Kommentare zu belanglosen Ereignissen in den überregionalen Tages- und Wochenzeitschriften. Zweifellos lässt sich Vieles vermuten, was dieses Schweigen verursacht. Haltung zu zeigen und dann auch mit eben dieser Stellung zu beziehen, ist mutig, kann aber auch unvernünftig sein, wenn im politischen Wirrwarr man nicht weiss, für wen und was Haltung gezeigt werden soll oder kann.

Jürgen Habermas veröffentlichte in den letzten Wochen Artikel zu Europa. Wenigstens hier ein Bekenntnis, wenn auch vorsichtig, als Philosoph.

Und dennoch, eine Haltung zu suchen, wäre ein Anfang. Für Menschlichkeit. Gegen jede hässliche Fratze der Gier und (tödlichen) Macht. Es gibt sie, die Vereine, die Partnerschaften, die literarischen Kollegen, die miteinander schreiben, ohne die Würde zu verlieren: Asher Reich und SAID mit Das Haus, das uns bewohnt, ein israelisch-iranisches Poetengespräch von 2009. Das ist nur ein Beispiel neben vielen Wohnzimmer-Kultur-Salon-Veranstaltungen, die ausnahmslos nicht „Recht haben wollen“ und sich im Zuhören üben.

Einatmen. Ausatmen.

Oder denken wir an Anna Achmatowa und ihre Gedichte während der Blockade Leningrads 1941 durch die deutsche Wehrmacht. Sie waren am Verhungern und Erfrieren und flüsterten sich Gedichte zu. Um zu überleben.

Hier in Europa hält in den Straßen die Selbstzensur Hof. Eine sich langsam einschleichende Angewohnheit. Lieber ein Wort weniger als ein Wort zu viel. Wer weiss, welcher Geheimdienst gerade mit wem zu Abend isst und seine Kamera in meinem Badezimmer versteckt hält?

Geht es nicht auch darum zu beobachten, was verschwiegen wird? Um das, was nicht gesehen wird, bewusst zugedeckt, nicht beachtet wird? Stellen wir uns ein Fest vor, ein Jubiläum, und zählen alle Anwesenden, und dann suchen wir die, die nicht eingeladen wurden. Warum auch immer.

Im Widerstand sein, im Exil leben, kann viele Gesichter und Masken offenbaren. Zugegeben. Ein Code wäre hilfreich!

Sara Kastner